De Eerste Parade

 

„De Eerste Parade“ (Die erste Parade), eine Open-Air-Ausstellung, bietet einen subjektiven Spaziergang durch die Bildhauerei von Constant Permeke bis Thomas Lerooy und verwandelt den Canadasquare in ein ganz besonderes Open-Air-Erlebnis. Schlichte, stimmige und zum Streicheln einladende Skulpturen von belgischen Künstlern wie George Grard, Nadia Naveau, Mark Manders und Valérie Mannaerts bilden einen Kontrast zum belebten öffentlichen Raum. Jedes Kunstwerk strahlt die Kraft des menschlichen Könnens aus, aber auch die Schönheit der Zerbrechlichkeit des Daseins. „De Eerste Parade“ zwingt uns dazu, langsamer zu werden, genauso wie wir für einen vorbeiziehenden Karnevalsumzug, einen Korso oder einen Fanfarenzug anhalten. Die intime Beziehung, die sich zwischen Betrachter und Skulptur entwickelt, steht in starkem Kontrast zur Vorstellung der ausgelassenen Zeitlichkeit einer Parade. 

Philip van Isacker

Die aus zwei Teilen bestehende Plastik „Stehende Figur und Torso“ (1999) von Philip van Isacker (1949) steht an der Spitze bzw. am Ende der Parade. Beim Flanieren über den Casinoplatz treten diese Körper in eine dialektische Konfrontation mit der klassischen Form. Die Skulpturen hinterfragen die Relevanz der Verbindung zwischen „dem Schönen“ und „dem Guten“, mit der sich die Bildhauerkunst bereits seit der Antike befasst. Die meditative Fragilität der männlichen Figur spiegelt die beinah streichelnde Arbeitsweise des Künstlers wider.

George Grard

Die Figur „Der Frühling (Niobé)“ (1947) von George Grard (1901 - 1984) ignoriert den Blick des Betrachters. Diese künstlerische Emotion in Reinform bildet nicht eine Frau in ihrer Jugend nach, sondern die Jugend an sich, losgelöst von jeglichem persönlichen Narrativ. Die Abstraktion bestimmter Details verleiht diesem Ausdruck zusätzliche Kraft. Der Zweifel des Erblühens kann als Metapher für die Kunst dienen. Als Klassiker bewegt sich Grard hier mühelos im Spannungsfeld zwischen Akademismus und Experiment.

Nadia Naveau

Die Skulptur „Les Mamelles de Tirésias“ (2021) von Nadia Naveau (1975) scheint eine zufällige Collage von Elementen zu sein. Im Gegensatz zu den Werken von beispielsweise Philip van Isacker und George Grard ist die Skulptur aus einem digitalen Denkansatz heraus aufgebaut. Naveau erforscht dabei die Grenze zwischen Figuration und Abstraktion, dem Klassischen und dem Zeitgenössischen. Das Ergebnis ist eine eklektische Formensprache, die die menschliche Gestalt dekonstruiert.

Constant Permeke

„Marie-Lou“ (1938) von Constant Permeke (1886 - 1952) ergründet, wie George Grard, das Spannungsfeld zwischen Akademismus und Experimentalismus. Die Einhaltung der körperlichen Proportionen steht dabei in scharfem Kontrast zur Abstraktion des Gesichts, die von einer radikalen Neuerung zeugt und an die Prinzipien des Kubismus anlehnt. Die selbstbewusste, unverletzliche Art und Weise, in der die Figur in sich selbst gewandt dasteht, weist jede sexuelle Konnotation des weiblichen Körpers zurück. Frei von jeglichem persönlichen Narrativ zeigt sich Marie-Lou als Frau und Verkörperung der Erdmutter.

Mark Manders 

Das Werk von Mark Manders (1968) thematisiert die menschliche Existenz anhand der vom Künstler im Bild evozierten Zerbrechlichkeit. Manders betrachtet seine gesamte künstlerische Praxis als ein Selbstporträt: Das Selbstporträt als Gebäude. Der Mensch wird als ein Haus gedacht, in dem, wie im Leben, ein Gleichgewicht gesucht wird. Das androgyne Gesicht ist durchbrochen, wodurch eine Dualität entsteht, die eine existenzielle Spannung hervorruft.

Valérie Mannaerts

Valérie Mannaerts (1974) schuf für „Die Erste Parade“ ein neues Werk, das sich deutlich an der Kostümgestaltung für das Ballettstück „Parade“ (1917) durch Pablo Picasso sowie an zahlreichen Skizzen und Gemälden von David Hockney (um 1980) orientiert. Daneben spielt die Künstlerin in ihrem Werk auch auf die spezifische Umgebung des Casinos und dessen Art-Déco-Formensprache aus den 1930er-Jahren an. Als skulpturales Gemälde besitzt das Werk eine theatralische Qualität, mit der es seinen Anspruch auf einen Platz in der Parade geltend macht.

Eugène Dodeignes

Eugène Dodeignes (1923 - 2015) „Eva“ (1974) erhielt ihren Platz vor dem Casino von Knokke-Heist als Erinnerung an Gustave Nellens (1907-1971), Casinobesitzer und Förderer der Stadt. Die menschliche Gestalt – eine Anspielung auf die Urmutter – wurde vom Künstler aus jahrhundertealtem burgundischem Stein gehauen. Diese direkte Bearbeitungstechnik verleiht der Skulptur eine Rauheit, die eine immense Ausdruckskraft besitzt.

Johan Creten

Die Idee für sein Werk „Why does Strange Fruit always look so sweet“  (1998 - 2015) entwickelte Johan Creten (1963) in Mexiko vom Krankenbett aus. Durch sein Zimmerfenster blickte er auf Dattelpalmen, deren Früchte wie fleischliche Geschwülste in faszinierender Üppigkeit aus der Pflanze hervorquollen. Diese Inspiration setzte er in ein fantasiereiches Bild um, das die Ambiguität des menschlichen Körpers zum Ausdruck bringt.

Ossip Zadkine

Die 1963 von der Gemeinde erworbene Skulptur „Der Poet“ von Ossip Zadkine (1888 - 1967) symbolisiert den kreativen Menschen par excellence. Auf einfühlsame Weise verleiht sie dem „Sänger der Freiheit“ Ausdruck und ist damit eine Hommage an den surrealistischen Dichter Paul Éluard, dessen Gedicht „Liberté“ (1942) in die Skulptur eingraviert ist. „Der Poet“ ist eine Ode an die prestigeträchtigen Dichterwettbewerbe, die in dieser Stadt am Meer ausgetragen werden.

Thomas Lerooy

Die Skulptur „Why Worry“ (2009) von Thomas Lerooy (1981) löst ein Befremden aus, das dem des surrealistischen Denkansatzes nahekommt. Auf den Spuren der klassischen Bildhauerei durchwandert der Künstler spielerisch das Spannungsfeld zwischen dem Grotesken und dem Schönen. Aus einem humoristischen Blickwinkel heraus reflektiert Lerooy über den Ikonencharakter der Skulptur und den idealisierten Körper in der Bildhauerkunst.